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Inklusive Bildung: Der Norden schreibt Hochschul- und Inklusionsgeschichte

Oktober 2016

Download: Pressefotos der Abschlussveranstaltung [ZIP, 18 MB]

Kiel, den 31.10.2016:

„Mit dem heutigen Tag schreiben wir Hochschul- und Inklusionsgeschichte gleichermaßen“, so Wissenschaftsstaatssekretär Rolf Fischer heute auf der Abschlussveranstaltung des Projektes Inklusive Bildung in Kiel. Mit der Fortführung des Projektes der Stiftung Drachensee als angegliedertes Institut für Inklusive Bildung an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel sind drei absolute Neuheiten in Deutschland, Europa und der Welt geglückt:

Erstens ist es gelungen, Menschen mit Behinderungen als Bildungsfachkräfte zu qualifizieren, damit sie an Fachschulen und Hochschulen ihre Expertise in eigener Sache einbringen. Als Bildungsfachkräfte vermitteln sie ihren Alltag und ihr Leben mit Behinderungen den Studierenden und den bereits bestehenden Lehr- Fach- und Leitungskräften.

Für diese Umsetzung werden zweitens fünf Arbeitsplätze für qualifizierte Bildungsfachkräfte geschaffen, ein bisher einmaliges Programm an deutschen Universitäten.

Drittens: Das Institut für Inklusive Bildung wird angegliederter Teil der Christian- Albrechts-Universität zu Kiel. Dadurch werden Menschen mit Behinderungen, die vormals in einer Werkstatt tätig waren, dauerhafter Teil des Wissenschaftssystems. Dieses An-Institut setzt zudem ein starkes Zeichen Richtung inklusiver Lehre und ergänzt in besonderer Weise die forschungsbezogenen An-Institute der Universität.

„Das ist ein Meilenstein für die Hochschullandschaft sowie für die Menschen mit Behinderungen selbst“, so Rolf Fischer.

Dies bestätigte Laura Schwörer, eine der Bildungsfachkräfte, selbstbewusst:
„Durch die Qualifizierung habe ich mich enorm in meiner Persönlichkeit entwickelt. Wir vermitteln einzigartiges Wissen, was sonst kein anderer hat und können am besten sagen, wie es ist, mit einer Behinderung zu leben. So können wir Vorurteile abbauen, Barrieren besiegen und wir schärfen dadurch das Bewusstsein in unserer Gesellschaft.“

Ihr Kollege, Marco Reschat, ergänzte: „Die Qualifizierung war für mich ein komplett neuer Lebensabschnitt und mein Traum erfüllt sich, auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu arbeiten. Das Besondere an der Qualifizierung ist, dass Menschen mit einer Behinderung, die vorher in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen gearbeitet haben, durch die Qualifizierung dazu befähigt wurden, an Fach- und Hochschulen Bildungsarbeit zu leisten, ohne selbst einen Hochschulabschluss zu haben. Es ist schon toll, bei so etwas Großem mit als Erster dabei zu sein.“

„Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben die Abschlussprüfung erfolgreich bestanden und können so zum 1. November aus der Werkstatt auf den allgemeinen Arbeitsmarkt wechseln“, so Dr. Jan Wulf-Schnabel, Geschäftsführer des Instituts für Inklusive Bildung. „Mit dem Institut etabliert sich ein völlig neues Bildungsverständnis: Es wird institutionalisiert, dass Menschen mit Behinderungen selbst-kompetent zu Wort kommen - statt nur über sie zu reden. Ohne die engagierte Mitwirkung vieler Unterstützerinnen und Unterstützer aus Fach- und Hochschulen, Politik, Verwaltung und den Selbstvertretungsverbänden wäre das undenkbar. Ganz besonderer Dank gebührt Staatssekretär Rolf Fischer und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Ministerium, die heute einem sehr innovativen Schritt zum Durchbruch verhelfen“, so Wulf-Schnabel abschließend.

Klaus Teske, Vorstand der Stiftung Drachensee, ergänzte: „Zukünftig muss es uns gelingen, das Modell der Inklusiven Bildung auf weitere Arbeitsfelder zu erweitern. Inklusion bedeutet eben auch, Möglichkeiten für alle Menschen auf den Arbeitsmärkten zu schaffen und damit eine neue Qualität der Angebote zu realisieren.“

Mit der Verleihung des Titels „Angegliederte Einrichtung“ nach § 35 Hochschulgesetz des Landes Schleswig-Holstein wird das Institut für Inklusive Bildung Teil der Christan-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU). Prof. Dr. Ilka Parchmann, Vizepräsidentin der CAU, erklärte hierzu: „Mit der Anerkennung als angegliederte Einrichtung wird das Institut für Inklusive Bildung Teil der Exzellenz der Christan- Albrechts-Universität zu Kiel.

Diese Exzellenz zeigt sich schon lange in unserer Forschung und nun verstärkt in der Lehre. Die Vorlesungsveranstaltungen, Seminare oder Workshops mit den Bildungsfachkräften bauen eine einzigartige Brücke für die theoriegeleitete, wissenschaftliche Ausbildung hin zur beruflichen Praxis. Die qualifizierten Menschen mit Behinderungen bieten großartige Möglichkeiten zur Klärung offener Berufsfragen, sie fördern Diversitätskompetenzen und die Selbstwahrnehmung bei Studierenden und Lehrenden gleichermaßen. „Nicht ohne uns über uns“ ist ein Motto, das wir mit großer Überzeugung an die CAU holen!“, so Frau Prof. Parchmann abschließend.

Staatssekretär Rolf Fischer hat heute im Rahmen der Veranstaltung den Förderbescheid des Landes Schleswig-Holstein in Höhe von 1,25 Mio. Euro an den Geschäftsführer des Institut für Inklusive Bildung gemeinnützigen GmbH, Dr. Jan Wulf-Schnabel, und zugleich den Titel angegliederte Einrichtung (gemäß § 35 HSG) an die Vize-Präsidentin der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, Frau Prof. Dr. Ilka Parchmann, überreicht.

Anschließend unterzeichneten die fünf Bildungsfachkräfte

  • Horst-Alexander Finke
  • Marco Reschat
  • Laura Schwörer
  • Isabell Veronese
  • Samuel Wunsch

gemeinsam mit dem Geschäftsführer die unbefristeten Arbeitsverträge am Institut für Inklusive Bildung.

Projekthintergrund:
Im Projekt Inklusive Bildung wurden über drei Jahre fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderungen der Stiftung Drachensee in Vollzeit zu Bildungsfachkräften qualifiziert. Für die Qualifizierung wurde ein Modulhandbuch mit Qualifizierungszielen, Lerninhalten und Prüfungsanforderungen entwickelt. Zu den Inhalten der Qualifizierung gehörten zum Beispiel die Bedeutung von Arbeit und Bildung im Zusammenhang von Behinderungen und Teilhabe in der Gesellschaft, die Vermittlung eigener Lebensweisen und Lebenslagen, eigener Interessen, spezifischer Bedarfe und Rechte im Kontext von Schon- und Schutzräumen, Normalität und Partizipation sowie Methoden, Instrumente und Techniken der Bildungs- und Beratungsarbeit. Das Projekt wurde durch ein breit wirkendendes Vernetzungsforum aus Verwaltung, Politik, Selbsthilfeverbänden, Hoch- und Fachschulen und Menschen mit Behinderungen selbst getragen und begleitet.

Das Projekt Inklusive Bildung wurde von der Aktion Mensch gefördert und durch ein breites Netzwerk der folgenden Institutionen engagiert unterstützt.

 

Mitglieder/Partner im Vernetzungsforum